Verschmelzung von KI mit realen Systemen: Roboter, Maschinen und Fahrzeuge

Die Diskussion rund um künstliche Intelligenz wird nach wie vor stark von digitalen Anwendungen geprägt – von Chatbots bis hin zu Datenanalysen. Der eigentliche strukturelle Wandel vollzieht sich jedoch in der „physischen Welt“. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von „Physical AI“, also der Verschmelzung von künstlicher Intelligenz mit realen Systemen wie Robotern, Maschinen oder Fahrzeugen. Diese Entwicklung bringt KI von der virtuellen in die reale Welt und markiert damit einen entscheidenden nächsten Technologieschritt.

Anwendungen weit über klassische Automatisierung hinaus

Diese Verschmelzung eröffnet eine Vielzahl an Anwendungsfeldern, die weit über klassische Automatisierung hinausgehen. Während Industrieroboter früher primär für klar definierte, repetitive Aufgaben eingesetzt wurden, ermöglicht die Kombination aus verbesserter Sensorik und lernfähigen Algorithmen heute völlig neue Fähigkeiten. Maschinen können ihre Umgebung zunehmend selbstständig wahrnehmen, interpretieren und darauf reagieren – etwa durch autonome Navigation oder KI-gestützte Qualitätskontrollen.

Automatisierung und KI als industrielle Realität

Die Dynamik dieser Entwicklung ist erheblich. Weltweit sind mittlerweile mehrere Millionen Industrieroboter im Einsatz, bei jährlich über einer halben Million neu installierter Systeme. Automatisierung und KI sind damit nicht mehr Zukunftsthema, sondern industrielle Realität in der Breite.

Hinweis: Die in diesem Beitrag angeführten Unternehmen sind beispielhaft ausgewählt worden und stellen keine Anlageempfehlung dar.

Besonders sichtbar wird dieser Wandel in der Industrie. In der Automobilproduktion entstehen neue Generationen von Produktionssystemen, in denen Robotik nicht mehr als isoliertes Werkzeug, sondern als integraler Bestandteil intelligenter Prozesse fungiert. Gleichzeitig zeigt sich die Verschmelzung von KI und physischen Systemen auch außerhalb klassischer Fertigungsumgebungen, etwa bei autonomen Fahrzeugen. So betreibt Waymo, eine Tochter von Alphabet, bereits heute einen vollständig autonomen Robo-Taxi-Service in mehreren US-Metropolen wie San Francisco, Los Angeles, Phoenix, Dallas oder Houston. Die Fahrzeuge nutzen KI, um komplexe Verkehrssituationen zu bewältigen und Passagiere sicher ans Ziel zu bringen. Der Dienst verzeichnet aktuell rund 500.000 bezahlte Fahrten pro Woche, wobei sich die Zahl der Fahrgäste innerhalb eines Jahres verdoppelt hat. Eine Expansion in über 20 weitere Städte weltweit, darunter London und Tokyo, ist bis Ende 2026 geplant.

Ein besonders zentraler Anwendungsbereich sind autonome Produktionsanlagen im Kontext von Industrie 4.0. Hier spielt vor allem das Konzept der „Predictive Maintenance“ eine wesentliche Rolle. KI-Systeme überwachen Maschinen in Echtzeit, erkennen frühzeitig Verschleißerscheinungen und planen Wartungsarbeiten, bevor es zu Ausfällen kommt. Diese vorausschauende Instandhaltung reduziert Kosten und minimiert Produktionsunterbrechungen. Unternehmen wie Siemens setzen hierfür IoT (Internet of Things) Lösungen ein, um Sensordaten wie Vibration, Temperatur oder Druck kontinuierlich zu analysieren. Machine-Learning-Algorithmen identifizieren Muster, die auf mögliche Defekte – etwa Lagerausfälle oder Motorüberhitzung – hinweisen. Im Idealfall lässt sich durch solche Maßnahmen die Ausfallzeit um bis zu 50 % reduzieren.

In der Logistik wird die Integration von KI in physische Systeme besonders greifbar. In den Logistikzentren von Amazon arbeiten bereits Zehntausende autonome Roboter, darunter sogenannte „Kiva“-Roboter, die Regale transportieren, Waren kommissionieren und Versandprozesse vorbereiten. Die KI steuert dabei die Routenplanung und Koordination der Systeme, um maximale Effizienz zu gewährleisten. Die Roboter navigieren mithilfe von 2D-Barcodes am Boden durch die Lagerhallen und können Regale mit einem Gewicht von bis zu 340 Kilogramm bei einer Geschwindigkeit von rund 5,5 km/h bewegen. Kiva Systems wurde 2012 von Amazon für etwa 775 Millionen US-Dollar übernommen. Ergänzend dazu kommen spezialisierte Robotik-Lösungen wie „Stretch“ von Boston Dynamics – mittlerweile Teil von Hyundai – zum Einsatz, die in Lagerhallen Paletten autonom bewegen und stapeln. Die zugrundeliegende KI ermöglicht es, Objekte zu erkennen, Bewegungen zu planen und sich dynamisch an die Umgebung anzupassen.

Auch in der Landwirtschaft führt die Kombination aus KI und physischen Maschinen zu tiefgreifenden Veränderungen. Autonome Traktoren von John Deere nutzen maschinelles Sehen, um Felder selbstständig zu bearbeiten – vom Pflügen über das Säen bis hin zur Ernte. Die Systeme erkennen Hindernisse, optimieren Fahrtrouten und passen Arbeitsprozesse an Bodenbeschaffenheit und Wetterbedingungen an. Parallel dazu gewinnt das Konzept der „Precision Agriculture“ an Bedeutung, bei dem Ressourcen wie Wasser, Düngemittel, Pestizide oder Saatgut gezielt und effizient eingesetzt werden. Technologien wie „See & Spray“ ermöglichen es, Unkraut mithilfe von KI und Kameras präzise von Nutzpflanzen zu unterscheiden und Herbizide nur dort einzusetzen, wo sie tatsächlich benötigt werden. Dadurch kann der Chemikalieneinsatz um bis zu 90 % reduziert werden.

(c) APA-Images / dpa / Waltraud Grubitzsch

Auch im medizinischen Bereich schreitet die Integration von KI in physische Systeme kontinuierlich voran. (Halb-) autonome Operationsroboter wie das System „da Vinci“ von Intuitive Surgical werden zwar weiterhin von Chirurgen gesteuert, jedoch unterstützen KI-Algorithmen die Präzision der Eingriffe. So analysiert die Technologie Echtzeit-Bilddaten, filtert Zittern aus den Bewegungen heraus und warnt vor empfindlichen Strukturen wie Nerven oder Blutgefäßen. Darüber hinaus kommen Service- und Assistenzroboter zum Einsatz, etwa der „Human Support Robot“ (HSR) von Toyota, der Pflegekräfte bei der Betreuung von Patient:innen unterstützt, indem er beispielsweise Medikamente holt oder beim Umbetten hilft. Auch therapeutische Anwendungen gewinnen an Bedeutung: Der in Japan entwickelte Therapie-Roboter „Paro“, der die Form einer kleinen Sattelrobbe nachbildet, wird insbesondere in der Altenpflege, bei Demenz, in der Psychiatrie sowie im Autismusbereich eingesetzt, um Emotionen anzusprechen, Stress zu reduzieren und soziale Interaktion zu fördern.

Enormes Marktpotenzial bis 2030

Ein Blick auf die Marktentwicklung unterstreicht diese Einschätzung. Wie die folgende Statista-Infografik zeigt, befindet sich der Markt für KI-Robotik aktuell noch in einer vergleichsweise frühen Phase, weist jedoch eine außergewöhnlich hohe Wachstumsdynamik auf: Ausgehend von einem Marktvolumen im mittleren zweistelligen Milliardenbereich dürfte sich der Markt bis 2030 um ein Vielfaches ausweiten. Getrieben wird dieses Wachstum sowohl von industriellen Anwendungen als auch von Service-Robotik, wobei insbesondere Software- und KI-basierte Lösungen überproportional zulegen. Prognosen sind kein zuverlässiger Indikator für künftige Entwicklungen.

Aus makroökonomischer Sicht unterstreichen Studien das Potenzial dieser Entwicklung. Bereits eine moderate Erhöhung des KI-Einsatzes kann die Produktivität von Unternehmen signifikant steigern – in einzelnen Analysen um mehr als 14 % (Quelle: Das KI-Magazin). Gleichzeitig zeigt sich, dass die Einführung solcher Technologien nicht friktionsfrei verläuft. Transformation bedeutet zunächst Reibung, bevor Effizienzgewinne realisiert werden. Kurzfristige Produktivitätseinbußen sind häufig, bevor die langfristigen Vorteile greifen. Und auch gesellschaftspolitisch besteht Konfliktpotenzial, wenn man die vielfachen Bedenken im Hinblick auf die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt betrachtet. 

Physical AI langfristiger Wachstumstreiber für Kapitalmärkte

Trotz dieser Herausforderungen bleibt die Wachstumsdynamik hoch. Treiber sind nicht nur Effizienzgewinne, sondern vor allem strukturelle Faktoren wie Fachkräftemangel, steigende Qualitätsanforderungen und die zunehmende Vernetzung von Produktionssystemen im Sinne von Industrie 4.0. Aus Investorensicht wird damit klar: Die größten Chancen entstehen entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von Hardware über Software bis hin zu industriellen Endanwendungen. Die eigentliche Wertschöpfung entsteht künftig an der Schnittstelle von digitaler Intelligenz und physischer Umsetzung. Genau dort sieht der Erste AM Senior Fondsmanager Bernhard Selinger die strukturellen Gewinner der kommenden Jahre. „Physical AI“ ist für ihn daher kein Zukunftsszenario mehr, sondern ein bereits laufender Transformationsprozess – und einer der zentralen, langfristigen Wachstumstreiber für Kapitalmärkte.

Bernhard Selinger verantwortet den globalen Aktienfonds ERSTE FUTURE INVEST. Der Fonds investiert aktiv in Unternehmen, die an langfristigen Megatrends wie Technologie und Innovation, Gesundheit, Umwelt oder strukturellen Veränderungen der Weltwirtschaft partizipieren. Es handelt sich um einen global ausgerichteten Aktienfonds mit Fokus auf ausgewählte Einzeltitel und aktiver Steuerung, unabhängig von klassischen Benchmarks. Gleichzeitig berücksichtigt der Investmentprozess auch Nachhaltigkeitsaspekte (ESG), um langfristige Chancen und Risiken ganzheitlich einzuordnen.

Erläuterungen zu Fachausdrücken finden Sie in unserem Fonds-ABC.

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